Mit der Erde stehen

Unser Aufruf auf deutsch

Mit der Erde stehen, eins mit der Erde sein als Akt von Verbundenheit und Widerstand

This is a call.

Not a call to arms.
A call to stand.

To stand with the Earth.

Lucia Renée

Standing with the Earth ist ein Aufruf zum gemeinsamen Innehalten und Wahrnehmen in Zeiten tiefgreifender Krise und Ratlosigkeit. Wir können den so dringend nötigen Wandel nicht per Kraftakt herbeiführen. Der Weisheit zu lauschen, die allem Lebendigen innewohnt, kann uns helfen, weder in lähmende Verzweiflung, noch in blinden Aktionismus zu verfallen. Die Verbundenheit mit der Erde wieder spüren – das ist im Moment vielleicht das Radikalste, was wir tun können: zärtlich, solidarisch und unbeirrbar.

Verbundenheit als Form von Aktivismus

Wir möchten das einfache Ritual, mit der Erde zu stehensowohl in das Feld des politischen Aktivismus hineintragen als auch überall im Alltag verankern.

Wir stellen uns vor, wie es sich rund um den Erdball verbreitet und etwas wird, das auf jedem Marktplatz stattfinden kann. Menschen stehen und spüren: wir sind nicht getrennt von diesem Planeten. Dadurch bezeugen, unterstützen und verkörpern sie den Heilungsprozess der Erde.
Das könnte ansteckend sein, denn in uns Menschen gibt es eine tiefe Sehnsucht danach, endlich wieder zu fühlen, dass wir nicht stumpf funktionierend unser Leben fristen müssen, sondern lebendig und verbunden sind – wir brauchen vielleicht nur Gelegenheiten, es (gemeinsam) zu erleben.

Standing with (Stehen mit), diskutieren über, sich einsetzen für, kämpfen gegen… können sich sinnvoll ergänzen – wir müssen uns nicht entscheiden.

Joanna Macy, die große alte Dame der Tiefenökolgie, nennt ihre Arbeit „The work that reconnects“ („Die Arbeit, die uns wieder verbindet“). Sie mahnte kürzlich zum Auftakt des Symposiums „Rebell*innen des Friedens“, die Anwesenden mögen sich nicht verlieren in einer Diskussion darüber, welches Thema oder welche Herangehensweise die wichtigste sei. Wir leben in Zeiten großen Umbruchs. Das Leben ist ernsthaft bedroht. Nur eine Vielfalt von Blickwinkeln und Ansätzen kann der Komplexität der Lage gerecht werden. Es ist unabdingbar, auf allen Ebenen zu handeln – in einem Geist des Miteinander:

  • aktiv werden gegen die Ausbeutung dieses Planeten: Protest, Holding Actions, Frontline Aktivismus, Besetzungen, Blockaden – massiver, unmittelbarer und entschlossener Widerstand
  • Wege finden, uns für die Erde zu engagieren – im unmittelbaren persönlichen Umfeld, regional und global: ein regeneratives Leben führen und erforschen, Werkzeuge für partizipatorische Prozesse politischer Entscheidungsfindung ersinnen, Gesetze verändern, lebensunterstützende Strukturen schaffen,…
  • und ganz schlicht immer wieder innehalten, mit diesem verletzten Planeten sein und spüren, dass wir die Erde sind

Standing with the Earth kann der Nährboden für unser vielfältiges Tätigwerden sein, weil es uns als Referenzpunkt dient, als Haltung, aus der heraus wir ins Handeln kommen – das bewahrt uns vor hektischem, wahllosem Aktionismus. Wir stehen und besinnen uns auf die zugrundeliegende Motivation für unser Tun: wir als Menschheit mögen unseren angemessenen Platz finden im Gefüge alles Lebendigen und mit unserem Dasein dem Ganzen dienen, anstatt es zu zerstören.

Es gibt ja schon lange Menschenketten als politische Protestform (für den Frieden, Gegen Atomkraft…) – warum nun dieser Aufruf mit der Erde zu stehen?

Unser Anliegen geht über die zwischenmenschliche Solidarität hinaus. Wir dehnen unser Gewahrsein aus und erleben eine umfassende Verbundenheit mit dem Leben selbst: mit dem Planeten, der uns hält und nährt. Dem Planeten, der wir sind.

Wir wünschen uns, genau das ins politische Feld hineinzutragen, das oft immernoch im alten Paradigma des Gegeneinander operiert. Offen, empfänglich und verbunden dazustehen bedeutet, Anspannung, Kontrolle und Dominanzverhalten loszulassen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von unserer gewohnten und als normal empfundenen Haltung, die uns und den Planeten in die Krise gebracht hat, in der wir uns gegenwärtig befinden.

Mit der Erde stehen – wie geht das?

Es ist ganz einfach und sehr kraftvoll.
Wir treffen uns. Vielleicht drei Menschen, vielleicht 10.000 (zum Beispiel bei einer Demo). Aber wir können auch ganz allein für uns stehen – vielleicht als tägliche Morgenpraxis.

Es ist wunderbar, draußen zu stehen, barfuß und direkt auf dem Boden. Aber es geht genauso gut mit Schuhen, drinnen oder auf versiegeltem Boden mitten im Verkehrslärm.
Gruppen können einen Kreis bilden.
Wer nicht stehen kann oder mag, verbindet sich über seine/ihre Sitzhöcker mit der Erde.

Eigentlich braucht es keine Worte. Wir können darauf vertrauen, dass wir intuitiv wissen, wie es geht, mit der Erde zu stehen. Aber für Menschen, die zum ersten mal mit der Erde stehen , können ein paar einführende Sätze unterstützend sein.


Hier sind ein paar Anregungen aus unserer bisherigen Praxis:

Wir stehen und spüren, wie unsere Füße den Boden berühren.
Um einen Zugang zu bekommen, hilft vielleicht das Bild, das viele von uns vom Buchcover des „kleinen Prinzen“ kennen: Der Prinz schwebt irgendwo in den Weiten des Universums und an seinen Füßen klebt „sein“ Planet“, unwesentlich größer als er selbst. Die beiden ziehen einander Kraft ihrer Masse an: Der Planet den Prinzen und der Prinz den Planeten. Es ist eine Beziehung, die auf Gegenseitigkeit beruht. Und genauso verhält es sich mit uns und der Erde, auch wenn die Erde viel größer ist und sehr viele Menschen und noch viel mehr andere Lebewesen sie bevölkern. Genau diese Verbundenheit wollen wir wahrnehmen und würdigen.

Wir stehen also und spüren diesen Planeten unter unseren Füßen.

Unsere Knie sind locker, die Gelenke weich, wir lassen unser Gewicht in den Boden fallen – bis zum Mittelpunkt der Erde und spüren, wie die Unterstützung der Erde uns aufrichtet.
Wir lassen überschüssige Anspannung los und werden zu Zeug*innen der Bewegung, die in uns entsteht, ohne dass wir etwas tun. Ein Dialog entsteht, ein Tanz zwischen uns und der Erde.

Dann richten wir unsere Aufmerksamkeit zunehmend auch nach außen: Wir öffnen unsere Sinne: hören, riechen, spüren alles um uns herum. Nehmen die Vögel genauso wahr wie die Autos.
Wir verbinden uns mit den Bäumen, den Steinen, dem Wasser, dem Wind, dem Leben. Und verbinden uns auch mit der Verschmutzung und Vergiftung, der Ausbeutung, der Abholzung, dem Verlust von Vielfalt, all dem verschwundenen Leben!
Wir verbinden uns damit, dass das Leben an sich in Gefahr ist. Und wir verbinden uns mit unserer Liebe zum Leben.

Wir verbinden uns mit den Wunden und mit der Kraft, mit dem was verletzt ist und mit dem was heilen will. In uns und in der Erde. Es gibt keinen Unterschied.
Wir sind untrennbar mit der Erde verbunden. Wir sind die Erde.
Wir stehen mit der Erde. Und ganz allmählich wachsen und sinken wir in das Bewusstsein hinein, dass wir als die Erde stehen.

Und ganz konkret:

In unserer neu gegründeten Gemeinschaft, der Akademie für angewandtes gutes Leben praktizieren wir jeden Morgen Standing with the Earth von 8.15-8.30 Uhr draußen zwischen den Bienenstöcken und dem Gemüsebeet.

Alle sind herzlich eingeladen, zeitgleich an anderen Orten mit uns zu stehen oder ihre eigenen Anlässe zu finden. Sagt es weiter, damit wir immer mehr werden!
Eine Karte, auf der alle Standing with the Earth-Orte eingetragen werden können, ist in Arbeit.

Anregungen/Fragen gern an: kontakt@standing-with-the-earth.com